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07.06.2018 ALfA-Veranstaltung "Vom Retortenbaby zum Mischwesen"

ALfA rockt Allgäu

Ganz Deutschland befindet sich im biopolitischen Tiefschlaf. Ganz Deutschland? Nein!
In einer von unbeugsamen Allgäuern bevölkerten Stadt füllten Lebensrechtler jetzt die Stadthalle mit einer Veranstaltung, die Nachahmung verdient.

Von Stefan Rehder

Vor rund einem Jahr, mitten im Bundestagswahlkampf, genauer am 30. August 2017, erschien in der »Süddeutschen Zeitung« ein Gastbeitrag des Vorsitzenden des Deutschen Ethikrates, Peter Dabrock, unter der Überschrift »Fundamentale Eingriffe in das menschliche Erbgut – und niemand spricht darüber«. In ihm zeigte sich der evangelische Theologe und Bioethiker »erschüttert« von der Ahnungslosigkeit, mit der »die Weltgesellschaft« in »irreversible, systematische Änderungen des menschlichen Erbgutes« hineinschlittere. Grund genug für den Regionalverband Memmingen/Unterallgäu der Aktion Lebensrecht für Alle e. V., das Schweigen zu brechen und der Ahnungslosigkeit den Kampf anzusagen. Am 7. Juni war es dann so weit.

Vor mehr als 400 Gästen konnte Maria Schmölzing, Vorsitzende des ALfA-Regionalverbandes Memmingen/Unterallgäu, in der Memminger Stadthalle den Molekularbiologen und Labormediziner Professor Paul Cullen begrüßen. Der gebürtige Dubliner, Jahrgang 1960, ist Leiter eines großen medizinischen Labors in Münster und engagiert sich ehrenamtlich als Vorsitzender des Vereins »Ärzte für das Leben e. V.«, der sich für den Schutz des menschlichen Lebens von der Befruchtung bis zum natürlichen Tod einsetzt. »Werden wir uns eines Tages von unseren Kindern und Enkeln die Frage stellen lassen müssen, wo wart ihr, was habt ihr getan, als Wissenschaftler sich anschickten, (...) das menschliche Genom zu verändern?«, fragte Schmölzing Dabrock zitierend und versprach einen »hoch spannenden Abend«.

Dass die Vorsitzende des ALfA-Regionalverbandes Memmingen/Unterallgäu, die auch für die CSU im Memminger Stadtrat sitzt, keineswegs zu viel versprach, lag nicht nur an dem eineinhalbstündigen Informationsfeuerwerk, das Cullen bald darauf abbrennen sollte, sondern auch an dem kurzen, aber prägnanten Grußwort, mit dem sich der leitende Pfarrer der Katholischen Pfarrgemeinschaft Memmingen, Dekan Ludwig Waldmüller, der auch die Schirmherrschaft über die Veranstaltung übernommen hatte, an die Zuhörer wandte. »Ich glaube, Sie können mit dem heutigen Abend nichts Besseres anfangen«, beglückwünschte Waldmüller die Besucher der vollbesetzten Stadthalle zu ihrem Erscheinen, um wenig später niemand Geringeren als den heiligen Papst Johannes Paul II. zu zitieren. Der habe in seiner am 6. August 1993 erschienenen Enzyklika »Veritatis splendor« (dt.: »Der Glanz der Wahrheit«) festgehalten: »Eine Freiheit, die Anspruch auf Absolutheit erhebt, behandelt den menschlichen Leib wie Rohmaterial, bar jeglichen Sinnes und moralischen Wertes, solange die Freiheit es nicht in ihr Projekt eingebracht hat.« In der Folge erschienen die menschliche Natur und der Leib »als für die Wahlakte der Freiheit materiell notwendige, aber der Person, dem menschlichen Subjekt und der menschlichen Handlung äußerliche Voraussetzungen oder Bedingtheiten«. Die Wirklichkeit sei jedoch eine andere: »Die Beziehung zwischen der Freiheit des Menschen und dem Gesetz Gottes«, zitierte Waldmüller den Jahrhundert-Papst mit Hilfe seines Smartphones weiter, »hat ihren lebendigen Sitz im ›Herzen‹ der menschlichen Person, das heißt in ihrem sittlichen Gewissen: ›Im Innern seines Gewissens‹ – schreibt das II. Vatikanische Konzil – ›entdeckt der Mensch ein Gesetz, das er sich nicht selbst gibt, sondern dem er gehorchen muss und dessen Stimme ihn immer zur Liebe und zum Tun des Guten und zur Unterlassung des Bösen anruft und, wo nötig, in den Ohren des Herzens tönt: Tu dies, meide jenes. Denn der Mensch hat ein Gesetz, das von Gott seinem Herzen eingeschrieben ist, dem zu gehorchen eben seine Würde ist und gemäß dem er gerichtet werden wird (vgl. Röm 2, 14–16)‹.« Dem habe er »nichts hinzuzufügen«, so Waldmüller.

Dass ein katholischer Priester in einer Stadthalle aus einem päpstlichen Lehrschreiben zitiert, die Lehre der Kirche über die Würde der menschlichen Natur und des Leibes, den Stellenwert des sittlichen Gewissens und sogar das göttliche Gericht in Erinnerung ruft und dafür von seinen Zuhörern mit lang anhaltendem Applaus bedacht wird, kommt zwar nicht jeden Tag vor, nährt aber auch die Vermutung, dass Geistliche das, was sie ihren Zuhörern »zumuten« zu können glauben, vielleicht nicht immer richtig einschätzen.

Ganz ähnlich verhält es sich offenbar mit dem, was Medien glauben, ihren Zuschauern, Hörern und Lesern an Informationen heute noch vermitteln zu können. In der Memminger Stadthalle hätte man jedenfalls während des gesamten anschließenden Vortrags die sprichwörtliche Stecknadel fallen hören können, so gebannt lauschten die Zuhörer Cullen. Der galoppierte, angefangen bei der Fortpflanzungsmedizin und der Präimplantationsdiagnostik über das Genom- Editing mittels neuartiger, CRISPR/Cas9 genannter Genscheren und die Erschaffung von Tier-Mischwesen, durch eine ganze Reihe bioethischer Problemfelder und vermittelte dem Publikum eine Vielzahl von Informationen, die selbst vielen Fachleuten entweder nicht bekannt sind oder aber von ihnen absichtlich verschwiegen werden.

So zeigte Cullen etwa anhand von Daten der Vereinten Nationen, dass die Angst vor einer Überbevölkerung der Erde kein Fundament in der Wirklichkeit besitzt. Lag die Zahl der Kinder pro Frau zwischen 1950 und 1955 im weltweiten Mittel noch bei statistischen 4,97, so ist sie inzwischen auf weniger als 2,5 gesunken. Ab 2050 werde die Weltbevölkerung sinken. Für die Jahre 2095 bis 2100 rechnen die Vereinten Nationen nur noch mit 1,99 Kindern pro Frau. Für den Generationenersatz sind jedoch statistische 2,1 notwendig. Allein in Zambia würden Eltern dann noch mehr als zwei Kinder zur Welt bringen.

In Europa bekämen die Menschen dagegen schon heute weit weniger Kinder, als sie wollten. Aus der Vielzahl der Gründe, die dafür verantwortlich zeichnen, hob Cullen die wissenschaftlich belegte drastische Abnahme der Anzahl und Qualität männlicher Spermien hervor. Der Reproduktionsmedizin warf er vor, sich »fast ausschließlich« mit der Erzeugung von Kindern im Labor zu beschäftigen und sich viel zu wenig um die Unterstützung der natürlichen Fortpflanzung sowie um die Erforschung des weltweiten Rückgangs der Fruchtbarkeit von Frauen und Männern zu kümmern. Auch würden »die Gefahren der assistierten Reproduktion heruntergespielt«. So stiege etwa durch die der In-vitro-Fertilisation (IVF) vorausgehende Hormonstimulation das Risiko von Frauen für Brustkrebs, Thrombosen, Herzinfarkt und Schlaganfall. Rund 60 Prozent der auf diese Weise gewonnenen Eizellen wiesen Defekte auf. Im Labor erzeugte Kinder hätten ein erhöhtes Fehlbildungsrisiko und neigten häufiger zur Ausbildung chronischer Erkrankungen wie Übergewicht und Bluthochdruck. Gleich dreimal so hoch wie bei natürlich gezeugten Kindern sei das Risiko für Epilepsie und verschiedene Tumore. »IVF-Patientinnen und ihre Kinder sind Versuchskaninchen«, zitierte Culden zusammenfassend Lord Robert Winston, Chef der Fruchtbarkeitsabteilung am Hammersmith Hospital in London.

Die Präimplantationsdiagnostik, die es ermöglicht, im Labor erzeugte Embryonen vor ihrer Übertragung in den Mutterleib auf zahlreiche Krankheiten und genetische Defekte zu untersuchen, habe längst den Charakter einer »Qualitätskontrolle« angenommen. Das Land, das deren Einsatz weltweit am stärksten forciere, sei China. In China kam auch die CRISPR/Cas9 genannte Genschere zum ersten Mal bei menschlichen Embryonen zum Einsatz. Mit der noch vergleichsweise jungen Technologie lasse sich der »genetische Code jedes Lebewesens wie mit einem Textverarbeitungsprogramm verändern«, erläutert Cullen. Inzwischen hätten auch Forschergruppen aus England und den Vereinigten Staaten CRISPR/ Cas9 an menschlichen Embryonen getestet. Die neuartigen Genscheren, die die US-amerikanische Molekularbiologin Jennifer Doudna 2012 gemeinsam mit der inzwischen in Deutschland arbeitenden französischen Infektionsbiologin Emmanuelle Charpentier bei Streptokokkenbakterien, die sich damit gegen Viren verteidigen, entdeckten, seien »um Größenordnungen genauer« als alle bisherigen Werkzeuge, mit denen Forscher das Erbgut von Lebewesen verändern können.

Der Labormediziner und Molekularbiologe, der einräumt, sich für den Mechanismus der Genscheren und ihre Effizienz (»präziser, schneller, preiswerter«) zu begeistern, warnt dennoch eindringlich vor ihrem Einsatz beim Menschen. Vergleiche man den genetischen Code des Menschen mit einem Text, dann bestehe dieser aus drei Milliarden Buchstaben. Das entspreche 172 Bänden, von denen ein jeder 1.000 Seiten umfasse. »Bei zwei zufällig ausgewählten Menschen auf der Erde sind 171,5 dieser Bücher identisch.« Da genetische Veränderungen der Keimbahn an alle nachfolgenden Generationen weitervererbt würden, käme ein Herumbasteln am genetischen Code des Menschen einem »Freilandversuch in der Zeit« gleich. »Wir wissen nicht, was wir damit anstellen«, erklärt Cullen.

Ausführlich ging Cullen auch auf die Herstellung von Tier-Mensch-Mischwesen ein. Diese würden vor allem mit dem Ziel erzeugt, Fortschritte bei der Xenotransplantation zu machen. Eine Reihe von Forschern hofft, in solchen Mischwesen Organe für die Transplantation beim Menschen reifen lassen zu können. Cullen lehnt das ab. In den Mensch-Schwein- Mischembryonen, wie sie etwa der Spanier Juan Carlos Izpisúa Belmonte am Salk Institute for Biological Studies in La Jolla im US-Bundesstaat Kalifornien herstellt, erblickt der Vorsitzende der »Ärzte für das Leben« eine schwere Verletzung der »Gattungswürde«. Die Unverfügbarkeit des Menschen, der als einziges Lebewesen in der Lage sei, Verantwortung für sich und seine natürlichen geschichtlichen und kulturellen Lebensgrundlagen zu übernehmen, sei ein »vergessenes Menschenrecht«, so Cullen.

Bei der von der Bundesvorsitzenden der ALfA, Alexandra Maria Linder, moderierten anschließenden Diskussion wurde vor allem der Umgang des Menschen mit seinen Artgenossen beklagt und in zahlreichen Varianten eine Sehnsucht nach einer »Ökologie des Menschen« (Benedikt XVI.) artikuliert. »Wir machen Versuche mit Menschen, die wir mit Haustieren nie machen würden«, brachte es einer der Diskutanten auf den Punkt.

Nachdem der evangelische Pfarrer Stefan Scheuerl, selbst aktives ALfA-Mitglied, dazu aufgerufen hatte, die Arbeit des ALfA-Regionalverbandes Memmingen/Unterallgäu aktiv zu unterstützen und die »Stimme für die Schwächsten« zu erheben, lud Linder den Saal zum »Marsch für das Leben« am 22. September nach Berlin ein. Dies sei eine gute Gelegenheit, »Politikern und der Öffentlichkeit zu zeigen, dass es ganz viele Menschen gibt, denen diese Themen am Herzen liegen und die eben nicht alles wollen, was passiert«. Ein Abend, der es verdient, so oder ähnlich auch andernorts wiederholt zu werden.

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